|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
|
 |
André Müller sen. Am Rubikon Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V Roman Mainz: VAT Verlag André Thiele 2008 304 S., Klappenbroschur, 14.90 EUR ISBN 978-3-940884-03-9
|
 |
|
|
|
|
 |
|
 |
|
|
|
 |
Westberlin, Sommer 1968. Durch das beherzte Eingreifen des ebenso aufstrebenden wie umtriebigen Stefan Heyer in die gemütlichen Umsturztätigkeiten der Kommune V wird diese von einer politisierenden Wohn- und Zweckgemeinschaft, die sich wohlig mit der Ästhetisierung des Häßlichen befaßt, nacheinander und in überraschender Folge zu einer Erziehungsanstalt für vermeintliche Abgesandte der Arbeiterklasse, zu einem revolutionären Tribunal der rückhaltlosen Selbstreinigung, zu einem wirkungsvollen Therapiezentrum für unvorhandene sexuelle Störungen, zu einem schwungvollen Raubdruckbetrieb, zu einem Ort hemmungslosen Volkszorns, zu einer vorgetäuschten Bombenbauwerkstatt und überhaupt zur Bühne ungeahnter Verwicklungen, Geständnisse und Konversionen.
Der progressive Zug der Zeit läßt sich selbst durch einen schrecklichen Betrug nicht aufhalten, in dessen Folge die Weltrevolution beinahe an Druckertinte stirbt, und auch nicht davon, daß die Gelder für den bewaffneten Kampf quasi von der NPD beaufsichtigt werden.
Schließlich bewirkt Gudrun aus Bietigheim in Schwaben mit ihrer Untreue, daß aus einem Polizeispitzel ein echter Revolutionär wird, der tragisch, aber mit Anstand endet. Die Lücke, die er hinterläßt, schließt ein leibhaftiger Beamter der Politischen Polizei, der zum Mitgründer eines Vortrupps der Roten Armee wird.
Wer in den handelnden Charakteren Bezüge zu realen Personen und Ereignissen der Zeit finden will - liegt nicht ganz falsch.
|
 |
|
|
|
 |
* Jens Frederiksen, Trauriger Hering. André Müllers Kommunen-Satire "Am Rubikon"; in: Mainzer Allgemeine Zeitung v. 6.6.2008:
Schon die süffisante Beschreibung der Geschirrberge, die die fünf Mitglieder der "Kommune V" in der Badewanne ihrer Altbauwohnung in Berlin-Wedding deponiert haben, ist den Kauf dieses Klassikers unter den 68er-Romanen wert. [...] Köstlich - das Amüsanteste, was den 68ern je angedichtet wurde.
* Peter Kleinert, "Am Rubikon". Roman über "Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V"; in: Neue Rheinische Zeitung v. 2.8.2008:
Seit Mai endlich im Buchhandel findet er so gut wie keine Beachtung in den Feuilletons. Wahrscheinlich weil er am Beispiel der fiktiven Berliner Kommune V ein paar '68er und die diese zum Bombenlegen anregenden „Staatsschützer“ spannend wie in einem Krimi und amüsant wie bestes Kabarett allzu realistisch beschreibt.
* Frauke Kaberka, "Am Rubikon" - Der ultimative 68er-Roman von André Müller; für: dpa v. 12.8.2008:
«Am Rubikon» - bereits 1975 in kleiner Auflage erschienen und nun wieder vom Verlag André Thiele ins Programm aufgenommen - ist der 68er-Roman schlechthin. [...] Wer Spaß an geschliffener Beweisführung hat - und wenn sie noch so grotesk ist -, wer brillanten Sprachwitz liebt und Situationskomik, kurz: wer Geschichtsunterricht der besonderen Art bevorzugt, der findet alles hier bei André Müller sen.. «Am Rubikon» ist eine köstliche Lektüre, die zu Unrecht so lange im Verborgenen schmorte. Der 40. Geburtstag der 68er-Bewegung ist ein guter Anlass, die Realsatire und ihren Verfasser, übrigens ein geschätzter Shakespeare- Kenner, wieder zu entdecken.
* Ulrich Faure, Rubrik "Lieblingsbücher des Monats"; in: BuchMarkt v. 1.9.2008, S. 192:
Streckenweise zum Totlachen ist "Am Rubikon" von André Müller senior (Verlag André Thiele) - eine 68er Verhohnepiepelung hohen Grades.
* Björn Hayer, Weltverbesserer an der Grenze; in: www.berlinerliteraturkritik.de v. 4.11.2008:
Gelungen stellt André Müller normative Absurditäten und moralische Rigiditäten gegenüber und demaskiert den Schein. Er tut das mit klarer und emphatischer Stimme. Sein Sprachgeist wirkt nie schwer. Mit einer humorvoll-sarkastischen Leichtigkeit wird eine historische Ära neu belebt und geradezu filmisch nachmontiert, in eindrucksvollen Einzelschnitten malt Müller das cineastische Panorama einer kontrovers und verbissen diskutierten Zeitenwende. [...]
André Müller sen. bewertet nicht, sondern er wählt einen neuen, einzigartigen Weg der literarischen Komposition. Er stellt dar, beobachtet und spitzt zu. Ja, er verzerrt, um das Wahrhaftige zu zeigen. Und dabei verlässt er nie den Weg des Realismus, denn seine Personen handeln psychologisch und vor allem menschlich.
* Steffen Könau, Vom Knurren im Bauch der Revolte; in: Mitteldeutsche Zeitung v. 14.11.2008:
Eine Schwejkiade mit 68 Umdrehungen ist das, dank Müllers Erzählkunst amüsant zu lesen. Sein Heyer ist kein Mann großer Gewissensbisse, er gibt den nach Historie lechzenden Genossen, was die wollen: Flugs macht er sich zum Wegbegleiter Brechts, schnell rückt er auf vom nur geduldeten zum höchst geschätzten proletarischen Element in der Kommune. Heyer hat die Frauen, Heyer hat das Geld, und wer in ihm Züge von RAF-Gründer Andreas Baader wiedererkennt, liegt so falsch nicht.
* Matthias Dell, Spaß; in: Freitag v. 18.12.2008
Am Rubikon macht sich aus der APO kühl einen Spaß. Der Autor ist André Müller sen., ein Dramatiker, Shakespeare-Forscher und DKP-Mitglied aus Köln, der im großen Chor der Linken seine eigene Stimme singt. Diese Tonlage hielt sonst nur noch Peter Hacks, mit dem Müller eng befreundet war und das Ideal einer sozialistischen Klassik teilt. [...] Bei Müller ist dagegen jeder Witz ein politisches Statement, seine Verachtung für die Bürgerkinder, die 1968 den Aufstand proben, streicht die Satire, in die er sie steckt, lustvoll heraus: in einer Sprache, die in ihrem gezierten Stolz lässig die Nase rümpft über Aktionismus und Akademismus der 68er. [...] Wer solchen satirischen Defätismus ablehnt, übersieht zum einen, dass der Roman sich weiter verbreiteten Kritikpunkten an 1968 (etwa der Ambivalenz der Promiskuität) so wenig entziehen kann wie einem beinahe versöhnlichen Schluss - weil es der klassischen Ästhetik, der sich Müller verpflichtet fühlt, nicht um die Feier eines negativen Helden geht. Und zum anderen: dass Am Rubikon ein intelligenter Spaß ist, selbst wenn man weder Müllers politische noch ästhetische Ansichten teilt.
|
 |
|
|
|
 |
André Müller sen. (* 1925 in Köln), gelernter Tischler; Dramatiker, Romancier, Theaterkritiker und Theaterpraktiker, Dozent für Dramaturgie. Lebt in Köln und Juntersdorf.
André Müller sen. war als Theaterkritiker und Redakteur mehrerer Kulturzeitschriften tätig, bis er selbst mit Stücken, Erzählungen, Satiren, Romanen, Anekdoten und Kinderbüchern hervortrat. Er war 1957 Gründer und später Vorsitzender des Arbeitskreises Bertolt Brecht (abb). 33 Jahre, von 1973 bis 2006, unterrichtete er an der Otto-Falckenberg-Schule, der Fachakademie für darstellende Kunst in München.
André Müller sen. war Zeit seines Lebens ein im Osten heftig umstrittener und im Westen aktiv verhinderter Autor. Sein streckenweise radikaler Realismus und sein klassisches Kunstideal provozierten in beiden Systemen. Er trat insbesondere mit einer ganz neuen Interpretation der wichtigsten Werke William Shakespeares hervor und gilt als Meister der Anekdote.
Von André Müller sen. erschienen zuletzt: Shakespeare verstehen. Das Geheimnis seiner späten Tragödien, Berlin: Eulenspiegel Verlag 2004; Shakespeare ohne Geheimnis, Berlin: Eulenspiegel 2006; Anne Willing. Die Wende vor der Wende, Berlin: Das Neue Berlin 2007; Gespräche mit Peter Hacks, Berlin: Das Neue Berlin 2008.
|
 |
|
Druckbare Version
|
|
|