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ARGOS
Edition Neue Klassik

Jan Decker
Beelitz Heilstätten
Tragischer Monolog und komisches Nachspiel
Mainz: VAT Verlag André Thiele 2009
76 S., Hardcover mit Schutzumschlag, 14.90 EUR
ISBN 978-3-940884-18-3



14,90 EUR

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ERSTER MANN Ich bin am Ende meines Waldspaziergangs. Das hohe Gericht wird mir erlauben, abzutreten. Ich werde ihm nicht den Anschein eines Rechts geben, indem ich weiter auf seine haltlosen Anklagen eingehe. Jedes Kind in Deutschland weiß, dass ich kein Mörder bin. Die Tatsachen sprechen für sich. Mein Land war in der ganzen Welt geachtet, wir nahmen an den großen Sportwettkämpfen teil, wie jedes andere Land betrachteten wir die Grenzabsicherung als eine innere Angelegenheit.

1990. Der erste Mann eines eben untergehenden Staates steht vor Gericht. Welches Gericht aber ist es? Die Strafkammer des Landgerichts Berlin? Die Geschichte? Die Partei? Der Weltgeist? Das Gewissen?

Der Angeklagte spricht. Mit Worten seltener Klarheit und gründlichen Verständnisses, ohne Falschheit, ohne Verzerrung. Keine Denunziation, keine Sentimentalität. Hochpolitisch und hohe Kunst.

Der tragische Monolog hat ein komisches Nachspiel.

NACHFOLGER Wer sich neue Kleider anzieht, dem steht die Zukunft offen. Werft eure alten Blauhemden aus dem Fenster. Wir könnten Freunde sein. Der Umtausch kostet nichts, außer ein wenig Überwindung. Schnell, uns läuft sozusagen die Zeit davon.

ZWEITER MANN Dich kenne ich. Du warst sein Suppenkoch.

NACHFOLGER achselzuckend Jetzt bin ich sein Nachfolger.



Zum Autor

Jan Decker (*1977 in Kassel) studierte Germanistik und Philosophie, absolvierte eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler und studierte anschließend am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Er schreibt Kurzprosa, Hörspiele und Theaterstücke. Sein Drama "Kassensturz!" wurde 2006 als Auftragswerk am Theater Vorpommern aufgeführt. Seine Stücke werden vom Drei Masken Verlag, München, vertreten.

Jan Deckers Hörspielarbeiten er.ich und Letzte Bilder wurden 2006 und 2007 beim Leipziger Hörspielwettbewerb ausgezeichnet.

Jan Decker lebt in Leipzig.

Werke

* er.ich, Hörspiel, Eigenproduktion 2005
* Sibiu Blues, Hörspiel, in Buchform erschienen 2006
* Kassensturz!, Theaterstück, UA Theater Vorpommern 2006
* Letzte Bilder, Hörspiel nach einem Text von Christoph Schwarz, Eigenproduktion 2007
* Hachiko, Hörspiel, US SWR 2008
* Rückenschwimmer, Theaterstück, UA Staatstheater Nürnberg 2009
* Amaryllis, Hörspiel in 2 Teilen, US SWR 2009
* In den Bäuchen der Städte atmete ich auf, Hörspiel, US SWR 2009



Pressestimmen

* Steffen Reichert; in: Deutschland Archiv, Heft 6 / 2009, S. 1135:

Klar wird: Wer Honecker und sein Handeln begreifen will, muss seinen Lebensweg zwischen Saarland und Santiago verstehen. Honeckers Tragödie ist seine Einsamkeit, die Verlorenheit seiner Positionen, die Doppelmoral des Apparats. Autor Jan Decker, der in Kassel Germanistik und Philosophie studierte und in Leipzig lebt, gelingt es dabei, ohne Hass und ohne Häme diesen Spagat in einem Theaterstück öffentlich zu machen, das gerade wegen seiner zurückhaltenden und sprachlichen Präzision besticht und deshalb auch jenseits der Bühne seinen Platz finden kann.


* Gregor Szyndler, "Jetzt Lektüre, bald Theater"; in: nahaufnahmen.ch v. 17. Februar 2010

Decker weigert sich, vorschnelle Antworten, Dokumentationen oder Bilder zu geben und lotet stattdessen zwischen Verrat, Niedergang und Höllenfahrt alle Möglichkeiten aus. Dass er bei seiner Autorenarbeit die Aspekte der Bühnenarbeit vernachlässigt, zeugt von Konsequenz. Mit fast unheimlicher Resolutheit wird Handlung aufgegeben und das Spiel auf die innerliche Ebene verlegt. [...] Fazit: mutiges Theater. Als Lesestück eine Delikatesse. Chapeau für die Chuzpe und Konsequenz des Autors, das Ganze so unbeirrt seiner künstlerischen Vision entgegengeschrieben zu haben.

* Christoph Pflaumbaum, Von der Hartnäckigkeit der Geister; in: Palmbaum, 1/2010, S. 187 ff.:

Die Enge und das Abgehalfterte der DDR zeigen sich auf diese Weise ebenso wie im Negativbild die naive Überhöhung der neuen ‚Go West!‘-Verheißung. Und in diesem abstrusen Spiel, das unaufhörlich den Ton und die stilistische Machart verändert, wird in dantischer Manier Gericht gehalten, womit die Toten als Geister wiederkehren, als Lebendige erneut auftauchen und Beteiligung am Hier und Jetzt beanspruchen. Inmitten dieser Wiederkehr agiert auch der bereits Totgesagte Honecker, der aber noch lebt. Ohne diese Geister, so die Quintessenz des Leipziger Autors Jan Decker, geht es nicht – sie klopfen immer wieder an.




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